Die Hygiene im Laufe
der Zeitgeschichte
Die
Urgeschichte: Erfahrung ist alles im Leben
Es ist
schwierig, die Hygienesituation zu erläutern, wie sie sich in grauer Vorzeit
dargestellt hat, aber
man kann sich vorstellen, dass alles nur eine Frage der
Erfahrung war. Die Überlebenden zogen die für ihren Schutz
geeigneten Schlussfolgerungen. Das Gebot
„nicht alles zu essen, was einem in
die Hände fällt" musste wortwörtlich genommen werden, so entstanden die ersten
Voraussetzungen zur Befolgung einer gewissen Nahrungsmittelhygiene. Was die
anderen Arten von Hygiene anbetraf, so bildeten sie sich erst sehr viel später
heraus.
Das Altertum: Bäder, Cremes und Sinnenfreuden
Bäder mit
variabler Temperatur, Massagen, parfümierte Cremes und Wasserschalen zum
Fingerreinigen: Die Hygiene der Griechen und Römer diente der Reinigung des
Körpers, aber auch der Erfüllung von Sinnenfreuden. Die Römer schenken der
Körperpflege sehr viel Aufmerksamkeit und sie verbrachten daher viel Zeit mit
dem Baden in Gemeinschaftsthermen. All dies geschah unter den wohlwollenden
Auspizien der Göttin Hygieia, Schutzgöttin der Gesundheit, der wir das moderne
Wort
„Hygiene" verdanken. Die Badegewohnheiten der Römer fanden ihren Weg bis
zum Orient und dort gibt es auch heute noch die türkischen Bäder oder Hammams, in
denen der Ritus der religiösen Reinigung mit den Aspekten des Vergnügen und der
Hygiene verbunden wird.
Mittelalter: Der eigene Körper muss sauber sein, aber der Schmutz gehört auf die
Straße
In dieser
Epoche war die Benutzung des Nachttopfes, der zur Zeit der Römer das erste Mal
verwendet wurde, noch ein notwendiges Übel und so manches Mal erledigt man seine
Bedürfnisse vor aller Augen. In der Stadt badet man gerne und häufig, hier
wurde
Körperhygiene groß geschrieben. Die öffentlichen Bäder oder Schwitzbäder
ermöglichen es den Menschen, zusammenzukommen und sich an einem realen Ort des
Vergnügens zu entspannen. 1292 gab es in Paris 25 Bäder für jeweils 250 000
Bewohner und überall in Europa erlebten die Badesitten und die Latrinen, Relikte
aus der Römerzeit, ihre Blütezeit. Aber ganz allmählich wurden die öffentlichen
Bäder zum Treffpunkt von Leuten mit zweifelhaftem Ruf. In der Stadt parfümierte
man sich und putzte sich heraus und
vergab viel Arbeit an die Wäscherinnen.
Auf der Straße
war
die Hygiene weniger sichtbar:
In diesem Zeitalter
wurde buchstäblich „alles auf die Straße"
geworfen! Exkremente schwammen im Abwasser in den in der Mitte der Straße
verlaufenden Abflussrinnen...
Renaissance : Ein
von
Schmutz „geschützter" Körper
Die Hygiene macht Pause, vor allem deshalb, weil der Körper anders wahrgenommen wurde - er ist ein Tabuthema - und weil äußerst bedrohliche Krankheiten auftauchten, wie die Syphilis , die sich ausbreiteten, ohne dass die Wissenschaftler die richtige Erklärung dafür gefunden hätten. Man glaubte damals, dass Wasser durch die Poren der Haut dringen und so die Krankheit übertragen würde. Im Westen wütete die Pest in ungeheuerlichem Ausmaß. Man stellte sich vor, dass eine dicke Schmutzschicht den Körper vor Krankheiten schütze. Die Körperwäsche erfolgte auf „trockenem" Wege, wobei man ausschließlich ein sauberes Tuch benutzte, um die sichtbaren Körperstellen abzuwischen! Eine gewisse Kleiderhygiene kam auf: Je reicher man war, um so öfter wechselte man seine Kleidung. Ein weißes Gewand, das schwarz geworden war, wurde folgendermaßen interpretiert: Es hat den Schmutz angezogen... folglich braucht man sich nicht mehr zu waschen! Diese Entwicklung schien sich im Westen weit verbreitet zu haben. Paradoxerweise wurde Wasser für Heilbehandlungen verwendet, zusammen mit Pflanzen als Badezusatz oder zur Herstellung von Absud.
Im 18. Jahrhundert tauchten die ersten Gemeinschaftslatrinen in den Häusern auf und es wurde ein Verbot erlassen, seine Exkremente durch das Fenster auf die Straße zu kippen, was eine gängige Praxis war! Des weiteren wurden die Stadtbewohner angehalten, ihren Abfall in dafür vorgesehene Karren zu werfen. Parallel dazu machte die Chemie Fortschritte: 1774 entdeckte der schwedische Chemiker Carl Wilhelm Scheele das Chlor. Später setzten andere Wissenschaftler diese Substanz mit Wasser vermischt als Bleichmittel ein (Claude Berthollet) und, mit einer Natronlösung gemischt, als Desinfizierungsmittel (Antoine Labarraque). So wurde das „Eau de Javel" geboren!
19.
Jahrhundert: Die Stadtentwicklung und die Wissenschaften sind auf dem
Vormarsch
Dies war das Zeitalter einer neuen Blüte der Hygiene:
- Die Stadtentwicklung schritt zügig voran und beinhaltete auch den Ausbau von Klärgruben. Darüber hinaus wurde für jeden Neubau ein Abflusssystem für Abwässer vorgesehen, das bis zur Kanalisation führte. Dies war ein Neuanfang für die Sauberkeit der Städte nach dem Motto: „Alles in die Kanalisation".
- Die stickstoffreichen Abwässer wurden zur Düngung der Erde verwendet (Prinzip der Nitrifikation).. Auf diese Weise entstanden die ersten Rieselfelder. Während in ganz Europa „Wassertoiletten" im englischen Stil gebaut wurden, öffneten die ersten Ausstellungen zum Thema „Hygiene" ihre Pforten.
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Auf dem
Gebiet der Wissenschaften wurden beachtliche Erfolge erzielt und verwiesen
althergebrachte Überzeugungen, an erster Stelle die der „Spontanbildung"
dank der Experimente von Louis Pasteur in das Reich der Mottenkiste. In dem Maße, wie man immer mehr Bakterien sowie ihre Schlüsselrolle bei der Entstehung bekannter Infektionen entdeckte, verstand man besser, dass es möglich war, sich vor ihnen zu schützen. |
Die ersten Hygienemaßnahmen kamen auf, nämlich Händewaschen und die tägliche Körperpflege mit Wasser und Seife. Sie wurden auf internationaler Ebene von Ärzten und Politikern jener Zeit auf Kongressen thematisiert. Ihr wichtigstes Ziel war die Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten wie Pest, Cholera, Typhus und Gelbfieber. Es war das Zeitalter der Quarantänen. Es waren auch die Ärzte, damals einflussreiche Persönlichkeiten, die die Verhaltensweisen und die Infrastrukturen (Märkte, Schlachthöfe, usw.) beobachteten und Vorschläge zur Verbesserung der Hygienesituation machten. 1847 stellte Ignac Semmelweis fest, dass bestimmte Hygienemaßnahmen die durch Kindbettfieber verursachte Sterblichkeitsrate reduzierten und der Schotte Joseph Lister, inspiriert durch die Arbeiten Pasteurs, führte die Antisepsis in die Chirurgie ein. Die Hygiene als Synonym für Vorbeugung begann ihren Feldzug. Körperpflege und Impfung wurden zu Schlüsselwörtern.
20. Jahrhundert: Hygiene reimt sich (fast) mit Verhaltensweise
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Die am Ende des 19. Jahrhunderts stattfindenden internationalen Konferenzen führten zur Gründung eines internationalen Büros für öffentliche Hygiene, das 1907 in Paris eröffnet und 1946 in die WHO (World Health Organisation - Weltgesundheitsorganisation) umgewandelt wurde. Der gemeinsame Kampf gegen Infektionskrankheiten hatte begonnen. |
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Allmählich setzte sich der Begriff der Hygiene in den Köpfen fest, vor allem dank seiner Einführung in den Schulen. Dadurch wurde es möglich, alle sozialen Schichten mit dieser Problematik zu erreichen.
Die Veränderungen gingen nur langsam vor sich. Denn immer noch musste gegen falsche Überzeugungen und lieb gewonnene Gewohnheiten angekämpft werden; die Vorstellungen von sauber und schmutzig.....
Die Fortschritte auf dem Gebiet der Biologie ermöglichten es, Ansteckungsmechanismen und Infektionswege nachzuvollziehen.
Die Gewohnheiten sind von Land zu Land verschieden, aber überall ist die Befolgung der Hygiene geboten. Auch heute bleibt diesbezüglich noch viel zu tun: Das Händewaschen nach dem Toilettengang scheint heute immer noch keine Selbstverständlichkeit zu sein!
Wenn es die Hygienemaßnahmen auch möglich gemacht haben, solche schrecklichen Krankheiten wie Syphilis, Pest, Cholera oder Tuberkulose einzudämmen, so erlebt das moderne Zeitalter das Wiederaufflammen einstiger Menschheitsplagen (Tuberkulose) oder das Auftreten neuer (AIDS).
Für das 20. Jahrhundert muss eine neue Form von Hygiene geschaffen werden.